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#Technologien&Innovationen

The Rubber Code: Warum die richtige Gummimischung für Ihre Sicherheit entscheidend ist

5 Fragen an Thorsten Torbrügge, Experte für Mischungsentwicklung  bei Continental

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Sommerreifen und Winterreifen sehen auf den ersten Blick gleich aus – schwarzes Gummi, runde Form. Doch moderne Gummimischungen sind Hightech und entscheiden in der jeweiligen Fahrsituation über Grip, Bremsweg und Sicherheit. Thorsten Torbrügge, Experte für Mischungsentwicklung im Reifenbereich von Continental, erklärt, was hinter dem “Rubber Code” steckt. Und warum muss ein Reifen bei 7 Grad Celsius ein völlig anderes Produkt sein muss als bei 27 Grad Celsius?


Für diemeisten Autofahrer ist ein Reifen ein schwarzer Gummiring. Doch was steckttatsächlich in einem modernen Reifen, was man von außen nicht sieht?

„Ziemlich viel! Ein moderner Reifen besteht aus mehr als 100 verschiedenen Komponenten, die präzise zusammenwirken. Ein Teil davon ist die Gummimischung, die selbst aus bis zu 20 unterschiedlichen Materialien besteht. Das ist nicht einfach nur Gummi – das ist ein hochkomplexes chemisches System! Wenn ich sage, ein Sommerreifen und ein Winterreifen haben ungefähr so viel gemeinsam wie eine Turnschuhsohle und die harte Sohle eines Arbeitsschuhs, dann ist das keine Übertreibung. Beides sind Gummimaterialien – aber sie sind für völlig unterschiedliche Anwendungen entwickelt. Die Turnschuhsohle bleibt flexibel und bietet viel Grip, während die Arbeitsschuhsohle robuster und formstabiler ist.

Genauso bestimmt die Gummimischung im Reifen, ob der Reifen bei Hitze stabil bleibt oder bei Kälte flexibel genug ist, um überhaupt Haftung auf der Straße zu haben. 


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Und was bedeutet dieser Unterschied ganz konkret im Alltag?

Unterhalb von etwa 7 Grad Celsius zum Beispiel verhärtet die Gummimischung eines Sommerreifens spürbar. Der Reifen wird steif, kann sich nicht mehr an die Fahrbahnoberfläche anschmiegen, und das bedeutet drastisch weniger Grip und längere Bremswege. Das ist keine Theorie! Das ist praktische Physik, die jeden Tag auf der Straße wirkt.

Ein Winterreifen dagegen verwendet eine Mischung, die auch bei Minusgraden flexibel bleibt und sich aktiv in die Fahrbahnstruktur verzahnt. Bei warmen Temperaturen kann er seine Stärken genauso wenig ausspielen: Fährt man Winterreifen im Sommer, wird die Mischung auf heißem Asphalt zu weich. Der Reifen verformt sich stärker, der Rollwiderstand steigt, der Verschleiß erhöht sich enorm. Man fährt den Winterreifen im Sommer buchstäblich runter – das kostet Geld, erhöht den Energieverbrauch des Fahrzeugs und beeinträchtigt die Sicherheit. Die Mischung entscheidet also über Bremsweg, Verschleiß, Rollwiderstand und damit letztlich auch über den Energieverbrauch. Deshalb ist der richtige Reifen zur richtigen Jahreszeit so entscheidend.


Gibt es eine einfache Faustregel für den richtigen Reifenwechsel-Zeitpunkt?

Die 7-Grad-Regel ist ein guter Anhaltspunkt: Wenn die Außentemperaturen dauerhaft unter 7 Grad fallen, sollte man auf Winterreifen wechseln. Und wenn sie im Frühjahr dauerhaft darüber liegen, wieder zurück auf Sommerreifen. Entscheidend ist die Temperatur, nicht der Kalender. Der Winter beginnt für Ihren Reifen nicht am 1. Dezember, sondern wenn es kalt genug ist. Für Fahrerinnen und Fahrer in Regionen mit gemäßigtem Klima können Ganzjahresreifen eine komfortable Alternative sein, da hier der saisonale Wechsel entfällt. Sie sind als Kompromiss konzipiert. Man muss sich bewusst sein, dass sie bei extremen Sommer- oder Winterbedingungen nicht die spezialisierte Spitzenleistung und Sicherheit eines reinen Sommer- oder Winterreifens erreichen.

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Bis zu 20 Materialien in einer einzigen Gummimischung – warum kann man nicht eine Gummimischung entwickeln, die bei allen Bedingungen funktioniert?

Das liegt an den physikalischen Zielkonflikten, die in der Reifenentwicklung eine zentrale Rolle spielen. Die Kunst, gegensätzliche Eigenschaften wie Rollwiderstand und Nasshaftung gleichzeitig zu optimieren, nennen wir den ‚Rubber Code‘.

Ein klassischer Zielkonflikt ist zum Beispiel Rollwiderstand vs. Nasshaftung: Ein niedriger Rollwiderstand reduziert den Energieverbrauch, während eine exzellente Nasshaftung für maximale Sicherheit bei Regen sorgt. Den Reifen so zu optimieren, und diese gegensätzlichen Eigenschaften in einer einzigen Gummimischung auf höchstem Niveau zu vereinen, ist die zentrale Herausforderung.

Unser Forschungs- und Entwicklungsteam arbeitet kontinuierlich daran, den ‚Rubber Code‘ zu entschlüseln. Silica ist hierfür ein hervorragendes Beispiel. Dieser Füllstoff ermöglicht es uns, den Rollwiderstand zu senken und gleichzeitig den Nassgrip zu verbessern. Was wie ein Widerspruch klingt, ist ein entscheidender Durchbruch in der Materialwissenschaft, den wir als einer der Ersten in der Industrie umgesetzt haben. Das zeigt, wie wir durch Wissenschaft und innovative Materialien den ‚Rubber Code‘ lösen, um eine optimale Balance der Reifeneigenschaften zu erreichen und dabei die Sicherheit stets an die oberste Stelle zu setzen. Es ist Wissenschaft, die Sicherheit schafft.


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Sechs Fahrzeuglängen mehr Bremsweg auf leicht verschneiter Fahrbahn – das entspricht etwa der Länge eines Stadtbusses. Wie stark beeinflusst die Gummimischung den Bremsweg im Vergleich zum Reifenprofil?

Die Mischung ist die Grundlage. Das Profil spielt natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle – es leitet Wasser ab, verzahnt sich mit Schnee, sorgt für Traktion. Aber wenn Gummi bei Kälte hart wird und nicht mehr greift, hilft auch das beste Profil nichts. Die Mischung entscheidet, ob der Reifen überhaupt eine Chance hat, seine Arbeit zu tun. Sechs Fahrzeuglängen mehr Bremsweg – das ist der Unterschied zwischen sicher anhalten und einem Unfall. Das muss man sich wirklich bewusst machen. Wer regelmäßig auf verschneiten Bergstraßen oder bei hohen Temperaturen unterwegs ist, fährt mit saisonalen Spezialreifen klar sicherer. Ganzjahresreifen sind ein intelligenter Kompromiss für Fahrer, die in Regionen mit milden Wintern leben und überwiegend in der Stadt fahren, weil die Mischung so entwickelt ist, dass sie in einem breiteren Temperaturbereich funktioniert.

 

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