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Wie Reifen Kraftstoffverbrauch und Reichweite beeinflussen

Dr. Christian Strübel im Interview über Rollwiderstand

The Garage Folge 5 & 6

Rollwiderstand beeinflusst bei jeder Fahrt, wie viel Energie ein Fahrzeug verbraucht. Dr. Christian Strübel, Experte für Rollwiderstand bei Continental, erklärt im Interview, was hinter diesem Reifenmerkmal steckt, wie es sich auf Kraftstoffverbrauch, Reichweite und Grip auswirkt und warum das EU-Reifenlabel beim Reifenkauf eine wertvolle Orientierung bietet.


Herr Dr. Strübel, Rollwiderstand klingt sehr technisch. Können Sie erklären, was dabei im Reifen passiert?

Gerne. Stellen Sie sich einen Küchenschwamm vor: Wenn Sie ihn zusammendrücken und loslassen, nimmt er nicht sofort wieder seine ursprüngliche Form an. Er braucht einen kurzen Moment. Diese verzögerte Rückverformung nennen wir Hysterese. Ein ähnlicher Effekt tritt auch im Reifengummi auf, und zwar bei jeder einzelnen Radumdrehung.

Während ein Reifen über die Straße rollt, wird er im Bereich der Aufstandsfläche ständig verform. Das Gummi gibt zwar einen Großteil der dafür eingesetzten Energie wieder zurück, aber nicht vollständig. Ein Teil der Energie geht als Wärme verloren. Genau dieser Energieverlust verursacht den Rollwiderstand. 

The Garage Folge 5 & 6
The Garage Folge 5 & 6
Wie viel Energie geht dabei tatsächlich verloren? Spürt man das als Fahrer überhaupt?

Direkt spüren können Fahrer den Rollwiderstand meistens nicht. Er wirkt kontinuierlich im Hintergrund und bremst das Fahrzeug bei jeder Fahrt ein wenig ab. Für sich genommen ist diese Kraft relativ klein. Über viele hundert Kilometer summiert sich ihr Effekt jedoch zu einem erheblichen Energieverbrauch.

Das lässt sich gut mit dem Fahrradfahren vergleichen. Auf glattem Asphalt mit optimal aufgepumpten Reifen kommen Sie mit wenig Kraftaufwand voran. Fahren Sie dagegen über einen dicken Teppich oder durch tiefen Sand, müssen Sie deutlich stärker treten, um das Tempo zu halten. Sobald Sie aufhören zu treten, verlieren Sie sofort an Schwung. Ganz ähnlich wirkt ein hoher Rollwiderstand – nur dass nicht Ihre Beine die zusätzliche Arbeit leisten, sondern der Motor oder die Batterie Ihres Fahrzeugs.

Die Folgen sind direkt messbar. Bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor steigt der Kraftstoffverbrauch, bei Elektrofahrzeugen sinkt die Reichweite. Deshalb zählt der Rollwiderstand zu den wichtigsten Stellschrauben, wenn es darum geht, die Effizienz eines Fahrzeugs zu verbessern und Energie einzusparen. 

Dann wäre die einfache Lösung doch: Rollwiderstand so niedrig wie möglich?

So einfach ist es leider nicht. Ein niedriger Rollwiderstand bedeutet zwar weniger Energieverlust. Gleichzeitig muss ein Reifen aber auch genügend Haftung zur Straße aufbauen, insbesondere bei Nässe. Die Verformung des Gummis verursacht zwar einerseits Energieverluste und erhöht damit den Rollwiderstand. Andererseits ermöglicht sie dem Reifen, sich an die Fahrbahn anzupassen und Grip aufzubauen. Würde man die Verformung zu stark reduzieren, ließe sich zwar Energie sparen, gleichzeitig könnten jedoch Bremsleistung besonders auf nassen Straßen und Kurvenverhalten leiden.

Die zentrale Herausforderung ist deshalb die Balance: niedrigen Rollwiderstand und hohe Sicherheit gleichzeitig zu erreichen.

Daniel tritt auf einem Fahrrad mit hohem Rollwiderstand

Dafür arbeiten wir an vielen Stellschrauben gleichzeitig. Speziell entwickelte Polymere und Füllstoffe helfen dabei, die Energieverluste im Material zu reduzieren, ohne die Haftungseigenschaften zu beeinträchtigen. Hinzu kommen Optimierungen an der Reifenkonstruktion, damit sich der Reifen beim Abrollen möglichst kontrolliert verformt. Auch die Profilgestaltung spielt eine Rolle, denn sie beeinflusst, wie sich die Kräfte über die Aufstandsfläche verteilen. 

Woher weiß ich als Verbraucher, wie effizient ein Reifen wirklich ist – und was bedeutet das im Alltag?

Dafür gibt es hier bei uns in der EU das EU-Reifenlabel. Es funktioniert ähnlich wie das Energielabel auf einem Kühlschrank: Bewertet werden die Kategorien Rollwiderstand, Nasshaftung und Abrollgeräusch. Die Skala reicht von „A" bis „E", wobei „A“ für die höchste Energieeffizienz steht. Unabhängige Institutionen kontrollieren streng, wie gut ein Reifen die Balance zwischen Effizienz und Sicherheit schafft. Und das EU-Label ist längst kein rein europäisches Thema mehr – ähnliche Labelsysteme gibt es inzwischen in vielen Regionen weltweit.

Der Nutzen zeigt sich im Alltag ganz konkret. Reifen mit geringerem Rollwiderstand benötigen weniger Energie, um das Fahrzeug in Bewegung zu halten. Bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor kann das den Kraftstoffverbrauch spürbar senken, bei Elektrofahrzeugen die Reichweite erhöhen. 

EU-Tire-Label The Continental Tires Garage Episode 5 - Experiment Puncture Protection

Wichtig ist dabei jedoch, nicht nur auf die Effizienz zu achten. Ein guter Reifen muss gleichzeitig eine hohe Sicherheit bieten. Deshalb betrachtet das EU-Reifenlabel neben dem Rollwiderstand auch die Nasshaftung. Für Verbraucher schafft das Transparenz und hilft dabei, einen Reifen zu wählen, der sowohl effizient als auch sicher ist.

Letztlich zeigt das Label, dass selbst kleine Unterschiede beim Rollwiderstand eine große Wirkung haben können. Wer sich für einen besonders effizienten Reifen entscheidet, spart nicht nur Energie und Betriebskosten, sondern reduziert zugleich die mit dem Fahren verbundenen Emissionen.

Was raten Sie Autofahrern, die beim nächsten Reifenkauf auf Effizienz achten wollen?

Schauen Sie auf das Reifenlabel – beim Rollwiderstand und bei der Nasshaftung. Ein guter Reifen muss in beiden Kategorien überzeugen. Ein günstiger Reifen mit schlechter Bewertung kostet über seine Lebensdauer durch höheren Kraftstoffverbrauch oder Reichweitenverlust oft mehr, als Sie beim Kauf gespart haben.

Und vergessen Sie den Reifendruck nicht: Zu niedriger Luftdruck erhöht den Rollwiderstand erheblich und verkürzt die Lebensdauer des Reifens. Regelmäßig prüfen – am besten alle zwei Wochen – lohnt sich immer.

Daniel und Christian in der "Garage"

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